Eine Burg mit großer Geschichte

Die Geschichte könnte wie ein Märchen beginnen: "Es war einmal ... ". Doch damit verlieren wir unter Um­stän­den eine gewisse Ernsthaftigkeit, denn ein Märchen ist die Geschichte der Burg Lichtenberg nun wahrlich nicht! Anders als im Märchen leben die an der Burggeschichte Beteiligten schon lange nicht mehr, so dass allein das bekannte Ende eines Märchens " ... und wenn sie nicht gestorben sind ..." schon diese Aussage ein märchenhaftes Ende aus­schließt. Aber dieser Artikel iat auch kein streng wis­sen­schaft­licher, der allein auf sorgfältig erforschten Tat­sa­chen beruht. Es wird zu­sam­men getragen was aus Schriften, Vorträgen und anderen Kom­muni­kations­we­gen bekannt ist. Daher kann sich die eine oder andere Ungenauigkeit natürlich ein­schlei­chen. Falls Sie eine entdecken, dann informieren Sie uns bitte!

Doch es war einmal vor langer Zeit - im 12. Jahrhundert - da gab es einen Herzog, der die - heute Niedersachsen genannten Lande und darüber hinaus auch das Gebiet, das damals wie heute Bayern hieß bzw. heißt - regierte. Damit war er einer der mächtigsten Fürsten im Kaiserreich. Dieser Herzog gehörte landauf, landab nun aber nicht gerade zu den beliebtesten Herrschern oder Menschen seiner Zeit, denn er galt als herrschsüchtig! Mit einer Reihe seiner Zeitgenossen geriet er deshalb oft in heftigen Streit weil er - wie man heute sagen würde - sich wohl als be­ra­tungs­resi­stent erwies und sich selbst dem Kaiser, seinem Lehnsherrn, gegenüber als kompromisslos zeigte. Der dieserart Unbeliebte war stets darauf bedacht, seine Machtfülle so weit es ging, auszuweiten.

Ausschnitt aus dem Krönungsbild aus dem Evangeliar Heinrichs d. Löwen. Zwei gekreuzte Hände reichen Kronen vom Himmel herab auf Mathilde und den knienden Herzog. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 105 Noviss. 2°, fol. 171v.

Etwa so als wolle der sächsische Ministerpräsident heute nicht nur in Sachsen das Sagen haben, sondern auch noch ganz Süddeutschland mit Bayern unter seine Regierungsgewalt bringen. Damals war es möglich - heute nicht mehr! Und tatsächlich, das Her­zog­tum Bayern, das dem welfischen Vater, Heinrich d. Stolzen (der ist übrigens im Dom zu Königslutter begraben!) wegen dessen Machtfülle vom Stauferkönig Konrad III. entzogen worden war, erhielt besagter Herzog 1156 aus der Hand seines staufischen Vetters, Kaiser Friedrich I., Barabarossa, zurück und regierte damit zugleich in Sachsen und Bayern.

Der seinerzeit wohl sehr unbequeme Herzog ist von jeher, und auch heute noch, mit der Stadt Braunschweig auf das Engste verbunden. Sein Name "Heinrich der Löwe". Geboren wurde er um 1129 oder 1130 (das Geburtsdatum wurde im Mittelalter nicht so genau festgehalten) im Schwäbischen. Sein Vater - Heinrich der Stolze - hatte eine Schwester - Judith -, die infolge der Ehe mit mit dem staufischen Herzog Fruedrich II. von Schwaben, Mutter des staufischen Vetters Friedrich III. von Schwaben, später Kaiser Friedrich I., Barbarossa, wurde. Die Heirat zwischen Staufenherzog und Welfin sollte helfen, den über Generationen währenden Streit zwischen Staufern und Welfen zu befrieden.

Die Familie der Welfen konnte sich bis heute, im Gegensatz zu den Staufern, über alle Wirren und Kriege der Zeit erhalten. Der letzte der Staufer, Kon­radin, wurde 1268 - auch auf Betreiben des Papstes Clemens IV. - als Sech­zehnjähriger nach einer verlorenen Schlacht gegen Karl von Anjou, König von Sizilien seit 1266, enthauptet.

Ruine Burg Lichtenberg auf dem Lichtenberger Höhennzug. Die Aussichtsplattform ist 2016 vermutlich durch Brandstiftung abgebrannt. Aufnahme: G. Hein

Nur wenige Mauerreste und ein Berg­fried erinnern an die wechselvolle Geschichte der Burg Lichtenberg, die auf einer 241 m ü. NN hohen Mu­schel­kalkkuppe der Lichtenberge, einem nach Nordwest streichenden Abschnitt des Salzgitter Höhenzuges, errichtet wurde. Dennoch zieht es immer wieder viele Besucher an diese historische Stätte, die im Jahre 1180 erstmals urkundlich erwähnt wird. Der staufische Kaiser Friedrich I. Barbarossa belagerte die Feste im Kampf gegen den Welfen Herzog Heinrich den Löwen und nahm sie ein. Dass der Kaiser selbst die Sache in die Hand nahm zeigt die damalige hohe Bedeutung der Burg. So übt die Burgruine in landschaftlicher Einsamkeit, von der modernen Stadt abgeschirmt, anscheinend immer noch einen gewissen Reiz auf die mensch­liche Fantasie aus.

Es ist aber nicht nur die Romantik, das hohe Alter oder die reizvolle Lage, die diese Ruine so interessant und un­er­setzlich macht, sondern ihre Ur­sprüng­lichkeit und ihr doku­men­tarischer Wert. So kommen viele Fragen auf nach der Entstehungszeit der einstigen Wehr­an­lage, über ihre Erbauer, ihre Entwicklung und archi­tektonische Einheit, ihre Aufgabe in Kriegs- und Friedenszeiten. Der Versuch einer Beantwortung dieser schwierigen Fragen liefert zugleich auch einen Beitrag zur Erforschung der mit­tel­al­terlichen Verfassungsgeschichte.

Heinrich der Löwe ist ohne näher erkennbaren Rechtstitel - er war der Lan­des- und Lehnsherr - an das umfangreiche Allodialgut des letzten Grafen von Assel gelangt, der am 1. Januar 1170 verstarb. Zu dem assel­schen Allodialgut, das sich u.a. in un­mit­tel­barer Nähe des Lichtenberger Höhen­zuges befand, gehörte auch die Burg Assel bei Burgdorf nördlich SZ-Osterlinde im heutigen Landkreis Wol­fen­büt­tel. Vermutlich blieb diese Burg nur solange militärisch bedeutsam, bis die Burg Lichtenberg die Aufgabe als Hauptstützpunkt übernehmen konnte. Da Heinrich der Löwe nicht als Burgenbauer bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass er eine bereits legitimierte Burgstelle nutzte und aus­baute. Im Jahre 1202 zählten die Söhne Heinrichs des Löwen die Burg Lichtenberg zu ihrem Erbe (patri­monium). Es ist aus den Quellen nicht ersichtlich, welchem Erbkomplex sie zuzuordnen ist.

Lage der Burg Lichtenberg zwischen Hildeshem Braunschweig und Goslar

Die Burg Lichtenberg galt als die militärisch bedeutendste wel­fische Wehranlage im Braunschweiger Land. Sie besaß eine Schlüs­sel­po­sition in den sich hier über­schnei­den­den In­ter­essen­gebieten des Hochstiftes Hil­des­heim, der stau­fer­treu­en Reichsstadt Goslar, der Stadt Peine und der Stadt Braunschweig. Von ihrer strategischen Lage aus beherrschte sie das gesamte nordwestliche Harzvorland bis in die weite Ebene zwischen Hil­des­heim, Peine und Braunschweig (s. Karte). Hinzu kam, dass sich an ihrem nördlichen Fuße die alten Handels- bzw. Heerstraßen von Minden und Bremen über Hildesheim nach Halberstadt mit einer Abzweigung nach Braunschweig trafen. Im Süden konnte man die für die Reichsstadt Goslar so wichtige Handelsstraße Frankfurt Bremen, mit der Abzweigung Wartjenstedt, über Ringelheim jederzeit sperren. Wie sehr Heinrichs des Löwen Sohn, König Otto IV., Anfang des 13. Jahrhunderts die Burg Lichtenberg und die Harliburg, - der Aufbau wurde in aller Eile 1203 begonnen - nutzte, um Goslar zu be­drän­gen und die Stadt schließlich fast entvölkert hatte, schildert uns an­schau­lich der Chronist Arnold von Lübeck. Die Goslarer Silberminen am Rammelsberg wurden zerstört

Obwohl Burgen im europäischen Raum überwiegend defensiven Cha­rak­ter besaßen, waren sie dennoch ein Kampfmittel. Da zur Kriegsführung des frühen und hohen Mittelalters auch die Zerstörung der Nahrungsgrundlage des Feindes gehörte, wurden von einer Burg aus des öfteren Angriffe auf die feind­lichen Ländereien unternommen. Einen Beleg dafür bietet das Jahr 1246, als der Lichtenberger Vogt Gebhard von Bortfeld das Hochstift Hildesheim an der Getreideernte in Klein Freden hinderte.

Brakteat König Ottos IV. anlässlich der Weihnachtsfeier auf Burg Lichtenberg 1204

Es entstanden in Burgnähe Märkte und Gewerbebetriebe. Wann den Orten Nieder- und Oberfreden (heute SZ-Lichtenberg) ein Markt verliehen wurde, ist derzeit noch nicht nachzuweisen. Urkundlich belegt ist, dass König Otto IV. (1198-1218) im Jahre 1204 das Weihnachtsfest auf der Burg Lichtenberg verbrachte und einen Hoftag abhielt. Damit wurde die Burg für wenuige Tage zum Mittelpunkt des Reiches. Man darf sicher annehmen, dass aus diesem Anlass in Nieder- oder Oberfreden ein Markt abgehalten worden ist. Als Zahlungsmittel hat der durch den Nordhäuser Münzfund bekannt gewordene Lichtenberger Brakteat - eine nur einseitig geprägte Münze, d.h. mit leerer Rückseite - gedient. Er wurde vermutlich auf der hiesigen Burg geprägt. Wie bedeutend der Entwicklungsschub für die Orte Ober- und Niederfreden und die umliegenden Dörfer durch die Burg Lichtenberg war, ist leicht nach­zu­voll­ziehen. Zahlreiche Kera­mik­fun­de im heutigen Lichtenberg und auf der Burg selbst, weisen auf die regen Han­dels­beziehungen hin

Die zentrale Anziehungskraft der Burg wurde dadurch erhöht, dass seit 1273 die Gerichtsbarkeit "circa castrum Lichtenberg" bezeugt ist, also eine Stätte an der Beurkundungen und Rechts­sprechungen durchgeführt wurden. Mit der Burg Lichtenberg war die Obere Gerichtsbarkeit verbunden, d.h. es konnten auch To­des­ur­teile aus­ge­sprochen werden. Allgemein ist nachweisbar, dass solche Handlungen einer alten Tradition folgend nicht hinter verschlossenen Türen, sondern an allgemein zugänglichen Plätzen in der Nähe der Burg vorgenommen wurden. Die Gerichtsbarkeit, die sich für den Bezirk Lichtenberg erst ab 1290 belegen lässt, wird vielleicht schon in früherer Zeit als Blutgericht bestanden haben. Möglicherweise fanden die Ver­hand­lungen auf dem künstlich auf­geschüt­teten Hügel am Evan­gelien­berg statt. Dieser Platz ist auch heute mit einer Linde bepflanzt. Die im heutigen Lichtenberg belegten Thing­plätze der beiden ehemaligen Orte Ober- und Niederfreden haben eine vollkommen andere Tradition. Dort fanden im Jahr mehrmals Ver­samm­lungen der männ­lichen Einwohner statt, und hier wurde das bäuerliche Gericht abgehalten.


Mehr ist leider nicht geblieben!

Selbst die Aussichtsplattform wurde im September 2016 abgebrannt


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